Orthorexia nervosa

Angst vor ungesunden Essen - Zwanghaft gesund essen

Beim Begriff „Essstörungen“ denken vermutlich die meisten Menschen sofort an Unterernährung, Essattacken oder eine Vorliebe für Ungesundes. Dass aber auch der Zwang, sich so gesund wie nur möglich zu ernähren, eine Essstörung ist, ist wohl den wenigsten bewusst. In der Wissenschaft ist dieses Krankheitsbild als „Orthorexia nervoa“ bekannt. Was versteckt sich genau hinter diesem Fachbegriff, wo liegen die Ursachen für die Störung, wie wirkt sie sich aus und wir kann sie behandelt werden? Wir klären auf und geben Tipps zur Überwindung der krankhaft gesunden Ernährung

Übersicht:
    Add a header to begin generating the table of contents
    Häufige Fragen:

    Bei Orthorexia nervosa handelt es sich um eine mitunter zwanghafte Fixierung auf gesunde Ernährung. Betroffene wollen sich um jeden Preis ausschließlich gesund ernähren und haben gleichzeitig Angst vor den Folgen ungesunder Ernährung.

    Durch die ständig enger werdende Auswahl an akzeptablen Lebensmitteln kann es zu Mangelerscheinungen kommen. Der Körper bekommt nicht mehr alle Nährstoffe, die er braucht. Daneben ziehen sich Orthoretiker in besonders schweren Fällen immer weiter zurück und kapseln sich ab. Essenseinladungen werden ausgeschlagen, Restaurantbesuche gibt es nicht mehr. Die Gefahr des Kontrollverlusts rund um das Thema Ernährung ist schlicht zu groß.

    Zwar ist Orthorexia nervosa keine anerkannte Essstörung, die Behandlung verläuft aber ähnlich. Ein Gespräch mit Psychotherapeuten bzw. Psychologen dient als Fundament, auf dem die folgende Behandlung aufbaut. Sind weitere Therapiesitzungen notwendig? Oder ist es ausreichend, dem Betroffenen in Zusammenarbeit mit Ernährungsberatern und Coaches schrittweise die Freude am Essen zurückzubringen?

    was-ist-zwanghaft-gesund-essen

    Was ist Orthorexia nervosa?

    Offiziell ist die Orthorexie (Orthorexia nervosa) keine der klassischen Essstörungen. Zu diesen zählen die Bulimie, die Magersucht und das Binge-Eating-Syndrom sowie zahlreiche Mischformen.

    Die offizielle Einteilung wurde allerdings bereits im Jahr 1997 vom US-amerikanischen Arzt Steven Bratman vorgenommen. Seither ist viel passiert, Krankheitsbilder haben sich verändert oder sind gänzlich neu entstanden. Gesellschaftliche Entwicklungen spielen dabei oft eine große Rolle. Wie wichtig gesunde Ernährung ist, fand erst in den letzten Jahren Einzug ins Bewusstsein der Allgemeinheit. 

    Und an sich ist absolut gar nichts an gesunder Ernährung auszusetzen. Ganz im Gegenteil. Wird die Fixierung allerdings zwanghaft, dann liegt eventuell eine Orthorexie vor. Der Betroffene handelt zwanghaft und hat Angst, aufgrund ungesunder Nahrung zu erkranken. Begleitet wird die Orthorexie meist von einer besonders intensiven Beschäftigung mit der Thematik Ernährung.

    Noch herrscht Uneinigkeit

    Ob die Orthorexie eine Essstörung ist und wo sie medizinisch eingeordnet werden könnte, darüber herrscht in Fachkreisen aktuell noch keine Einigkeit. Im Vergleich zu „richtigen“ Essstörungen wie Bulimie oder Magersucht steht auch weniger das Gewicht im Vordergrund als vielmehr eben der Drang, sich bewusst zu ernähren. Die Orthorexia nervosa wird momentan eher als krankheitswertige Störung betrachtet, kann bei extremer Ausformung allerdings zum Entstehen einer klassifizierten Essstörung beitragen.

    Wie zeigt sich krankhaft gesunde Ernährung?

    Eine Orthorexie zu diagnostizieren ist generell nicht einfach. Das Symptom „gesunde Ernährungsweise“ wäre ja absurd. Die tägliche Nahrungsaufnahme nach einem gewissen System zu gestalten ist jetzt auch noch nicht abwegig bzw. in Zeiten von immer größer werdender beruflicher Belastung keine so verkehrte Idee. So spart man immerhin etwas Zeit ein.

    Bedenklich wird es erst, wenn die Grenze zum Zwanghaften überschritten wird. Diesen Moment exakt festzustellen, ist aber so gut wie unmöglich. Im Verhalten von Orthoretikern lassen sich aber dennoch einige Hinweise auf eine mögliche Störung finden.

    So stehen beim Essen nicht die Freude und der Genuss im Mittelpunkt, sondern eben die Gesundheit und die Zweckmäßigkeit. An für sich ist das auch nichts schlimmes, nicht jede Nahrungsaufnahme muss Freude machen und Glückshomrone ausschütten, doch wenn diese Gefühle zwanghaft unterdrückt werden und Essen nur noch funktionieren soll, kann dies vielleicht nicht den Körper aber dafür den Geist krank machen.  Oft bleiben am Ende noch sehr wenig komplett unverarbeitete Obst und Gemüsesorten übrig – und das eventuell sogar nur in rohem Zustand. 

    Die Essensplanung nimmt einen großen Bereich im Alltagsleben ein, detaillierte Pläne für die nächsten Tage (und teilweise sogar Wochen) werden erstellt. Oft werden exakte zeitliche Pläne befolgt. Die gesunde Ernährung ist das alles dominierende Thema.

    Passiert es Orthoretikern trotz aller Vorsichtsmaßnahmen dennoch einmal, dass sie ungesundes Essen zu sich nehmen, leiden sie danach oft unter schlechter Stimmung und Scham, sie fühlen sich wie Versager. Manche fallen zudem durch besonders missionarisches Verhalten auf, wollen alle Menschen im Freundes- und Bekanntenkreis von der, laut ihrer Ansicht, einzig richtigen und gesunden Art der Ernährung überzeugen. 

    Welche Auswirkungen hat Orthorexia nervosa?

    Ein Merkmal der Orthorexia nervosa ist, dass die Auswahl an akzeptablen und für den Betroffenen zum Verzehr geeigneten Lebensmitteln immer kleiner wird.

    Am Ende bleiben oftmals nur Obst und Gemüse – selbst angebaut und geerntet, im rohen Zustand verzehrt – übrig. Nun ist gegen viel Obst und Gemüse natürlich nichts einzuwenden, einseitige Ernährung kann allerdings auch zu Mangelerscheinungen führen. Daraus folgen eine unkontrollierte Gewichtsabnahme und die Tendenz zum Untergewicht.

    Neben den körperlichen Folgen kann die Orthorexie aber auch Auswirkungen auf das Sozialleben des Betroffenen haben. Essenseinladungen werden nicht mehr angenommen, Betroffene besuchen keine Restaurants mehr, weil sie dort die Qualität der Lebensmittel nicht kontrollieren können. In Extremfällen ist gar eine gewisse soziale Isolation die Folge.

    Social Media kann Ängste verstärken

    Der Mensch ist ein soziales Wesen und in seiner Entwicklung deshalb immer angewiesen auf Feedback seiner (unmittelbaren) sozialen Umgebung. 

    Das Aufkommen von Social Media hat die Grenzen dieser Umgebung stark ausgeweitet. Teilweise sind die Vorgaben aus dem Netz wichtiger als jene des unmittelbaren Umfeldes.

    Zwar ist die wissenschaftlich noch nicht hinreichend behandelt, eine Schlussfolgerung liegt dennoch nahe: Social Media beeinflusst das Selbstbild und Körperbewusstsein von Menschen enorm. Und das besonders in der jungen Generation.

    Dabei ist es in erster Linie wohl gar nicht unbedingt das klassische Schönheitsideal, von dem der Druck ausgeht. Vielmehr werden Orthoretiker vom Gesundheitsideal beeinflusst. Ernährungs-Influencer haben teilweise immense Reichweiten, gesundes Essen auf Instagram zu posten gehört zum Alltag. 

    An für sich gilt auch hierbei wieder: Grundsätzlich ist das nichts schlimmes, stets gesundes Essen zu posten, solange es nicht zum Zwang wird und man sich bei einem kleinen Ausrutscher dafür bestraft und seelisch darunter leidet

    Differenzierung ist wichtig

    Nur weil Menschen sich gesund ernähren und auf ihren Körper achten, sind sie noch lange keine Orthoretiker. Die Gefahr, an sich wünschenswertes Essverhalten als krankheitswürdige Störung zu sehen, ist groß.

    Martin Greetfeld, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, warnt dabei auf dem Informationsportal „Neurologen und Psychiater im Netz: „Man muss vorsichtig sein, gesellschaftliche Trends nicht gleich zu pathologisieren, daher sprechen wir von orthorektischem Essverhalten und nicht von Orthorexie als Krankheit.1Orthorexie – Zwanghaft gesund essen müssen | neurologen-und-psychiater-im-netz.org

    Auf Social Media Plattformen werden User tagtäglich mit Idealvorstellungen bombardiert. Der Druck, diese zu erfüllen, steigt und zwingt Ortorethiker dazu, ihre Nahrungsaufnahme immer mehr anzupassen.

    Doch es gibt nicht nur Schattenseite durch Instagram & Co. Influencer mit großer Reichweite bringen das Thema immer wieder aufs Tableau und schaffen Bewusstsein für die Gefahren hinter rigiden Idealvorstellungen rund um Ernährung. Sie warnen ihre Follower und animieren sie so dazu, wachsam zu bleiben.

    Warum wollen Betroffene keine Hilfe gegen Orthorexia nervosa?

    Damit eine Orthorexie erfolgreich behandelt werden kann, ist es wichtig, sich an Spezialisten zu wenden. Leider kommt es gar nicht so selten vor, dass Betroffene einen Gang zum Arzt gar nicht in Betracht ziehen. Dafür kann es mehrere Gründe geben.

    Fehlendes Problembewusstsein

    Die Weigerung, zum Arzt zu gehen, hat nicht zwingend etwas mit Angst vor einer Behandlung zu tun. Vielmehr wissen viele Betroffene gar nicht, dass sie Orthoretiker sind. Der Grat zwischen gesunder Ernährung und zwanghafter Störung ist eben sehr schmal.

    Idealisierung

    Besteht dieses Bewusstsein, gibt es dennoch Gründe, nicht zum Arzt zu gehen. In ihren Augen ernähren sich Orthoretiker eigentlich nicht falsch. Ihre Art und Weise stellt für Sie ein Idealbild dar, welchem am besten so viele andere Menschen wie möglich folgen sollen. Trotz etwaiger negativer Folgen bleibt Veränderung unerwünscht. Der Leidensdruck ist nicht nur nicht groß genug, er ist in vielen Fällen schlicht und einfach gar nicht vorhanden.

    Schamgefühl

    Die Angst vor negativen Auswirkungen im persönlichen und beruflichen Umfeld überwiegt. Auch wenn Orthorexie eigentlich keine anerkannte Essstörung ist, ein gesellschaftliches Urteil ist schnell gefällt und lässt sich in den meisten Fällen nicht mehr so einfach revidieren.

    behandlung-von-Orhtorexia-nervosa

    Behandlung von Orhtorexia nervosa

    Für die erfolgreiche Behandlung einer Anorexia nervosa ist ein mehrgleisiger Ansatz am erfolgversprechendsten. 

    Zur Abklärung eventuell zugrunde liegender psychischer Auffälligkeiten ist ein Gespräch mit einem Psychotherapeuten bzw. Psychologen zu empfehlen. So wird die Grundlage für das weitere Vorgehen gelegt. Ist eine begleitende Psychotherapie notwendig oder genügt der zweite Ast des ganzheitlichen Ansatzes?

    Bei der Zusammenarbeit mit Ernährungsberatern geht es darum, die Freude am Essen wieder zu entdecken. Gemeinsames Kochen kann dafür die Grundlage bilden. Wichtig ist, das Bewusstsein wieder zu schärfen und zu verstehen, dass es beim Essen nicht nur rein um Nahrungsaufnahme geht, sondern auch um Genuss und Freude. Somit kann auch das Sozialleben davon profitieren

    Das Angebot an Therapeuten, Psychologen und Ernährungsberatern ist groß, bestimmt gibt es auch in Ihrer Nähe gute, kompetente Vertreter. Um Ihnen die Suche zu erleichtern, verweisen wir zur Arztsuche von Jameda oder auch Online Psychologen von Instahelp.

    Übersicht:
      Add a header to begin generating the table of contents

      Quellen:

      1. Orthorexie – Zwanghaft gesund essen müssen | neurologen-und-psychiater-im-netz.org

      Foto: OlesyaSH | shutterstock.com

      Inhalt wurde verfasst von: Julia Dernbach – Medizinisch überprüft von: Thomas Hofmann

      Scroll to Top